Fällt der Begriff Diagnose im Shiatsu, wird gerne Shizuto Masunaga zitiert: „Diagnose ist Behandlung, Behandlung ist Diagnose“. Diese Aussage kann vielfältig interpretiert werden. Dass die Behandlung im Shiatsu zugleich eine kontinuierliche Diagnose ist, liegt auf der Hand: Durch die Verbindung mit der empfangenden Person erhalten wir einen ständigen Strom an Feedback auf vielen Ebenen und passen das, was wir tun, diesen Impulsen an. Insofern fließt die situative Diagnose unmittelbar in die Behandlung ein. Eine gute Diagnose ist jedoch auch für sich genommen wie eine umfassende Behandlung. Wenn wir einen Menschen auf einer sehr tiefen Ebene wahrnehmen, sehen und verstehen – was die Essenz einer ganzheitlichen Diagnose sein sollte –, dann beginnt bereits der Heilungsprozess, ob mit oder ohne Berührung. Heilung durch Erkenntnis – dia (durch) gnosis (Erkenntnis).
Meist wird beim Begriff Diagnose jedoch an deren Einsatz bei der Anwendung westlicher therapeutischer Methoden gedacht, in denen die Diagnose mehr der Feststellung eines spezifischen Problems dient. Diagnose im Shiatsu wird oft ähnlich ausgelegt und daher gerne abgelehnt. Das ist schade, denn das zeigt meiner Meinung nach ein sehr oberflächliches Verständnis des gesamten Prozesses. Eines Prozesses, der primär auf Resonanz und Wahrnehmung basiert. Durch Resonanz mit der anderen Person entsteht ein gemeinsamer Raum, in den man hineinlauschen kann. Was wir hören, sind Informationen für ein profundes Verständnis des Gegenübers, das uns dabei hilft, die entsprechende Person bestmöglich von ihrem aktuellen Zustand ausgehend in Richtung Ganzheit zu begleiten. Wichtig ist in diesem Kontext, das volle Spektrum der wahrnehmbaren Möglichkeiten in den Resonanzraum zu integrieren und nicht nur persönliche Präferenzen. Was ist damit gemeint?
Jegliches Wissen, das der jeweiligen Person hilft, ihre wahre Position zwischen Himmel und Erde selbstbestimmt und erfüllt einzunehmen bis hin zur Entfaltung ihres vollständigen Potenzials, ist dienlich. Als Menschen sind wir jedoch vielfältigen Einflüssen ausgesetzt und jeder einzelne davon kann zu einer Disharmonie oder einer Trennung führen. Wir sind Teil unserer Umgebung, des uns umgebenden Klimas, der Jahreszeiten. Wir sind Teil des Rhythmus von Werden, Sein und Vergehen. Täglich. Wöchentlich. Monatlich. Bis hin zu unseren großen Lebensphasen. Die Nahrung hat einen Einfluss auf uns. Berufliche Tätigkeiten haben einen Einfluss auf uns. Krankheiten. Beziehungen. Unser persönlicher Werdegang, mit all seinen Dramen, Traumen und Träumen, hat einen Einfluss auf uns. Das ergibt ein äußerst umfangreiches Spektrum an abrufbaren Informationen, die tiefgreifend auf die großen Unterwasserströme unserer energetischen Matrix einwirken und denen wir im diagnostischen Prozess begegnen können – von einem Übermaß an Kälte, Hitze, Zucker oder Salz über einen Mangel an Vitamin D oder anderen Hormonen bis hin zu sexueller Frustration, limitierenden Glaubenssätzen oder fehlender Spiritualität im Leben, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ist es da nicht etwas zu einfach, in unserer Arbeit mit Menschen alles auf ein bisschen Qi zu reduzieren und die Heilung zu einem diffusen Prozess werden zu lassen, der passiert oder nicht passiert oder so subtil passiert, dass er gar nicht wahrgenommen werden kann?
Ganzheit bedeutet, Yin und Yang zu einer großen Einheit zu verbinden. Erst wenn wir Wissen (Yang) und Intuition (Yin) fusionieren und schließlich transformieren, kann in Bezug auf den diagnostischen Prozess eine tiefe Erkenntnis entstehen. Wir können klar erkennen und verstehen, warum eine Person ist, wie sie ist. Wir können auf Basis dieser Erkenntnis gezielt und effektiv die entsprechenden Meridiane berühren und für ein Gleichgewicht zwischen Jing, Qi und Shen sorgen. Wir können begleitende und unterstützende Maßnahmen vorschlagen. Wissen ohne Intuition ist dabei eine genauso einseitige Herangehensweise wie Intuition ohne Wissen. Der Kopf ohne Bauch ist eine halbe Sache. Der Bauch ohne Kopf ist eine halbe Sache. Das ist keine Wertung. Das ist das Grundprinzip der Polarität und der Einheit durch die Integration der Polaritäten. Natürlich: Man kann schwerpunktmäßig wissensbasiert arbeiten. Man kann schwerpunktmäßig wahrnehmungsorientiert arbeiten. Yang oder Yin. Wenn wir aber hier bereits eine Trennlinie ziehen, wenn wir auf der Basis des einen oder des anderen getrennt agieren, dann verlieren wir selbst den Anschluss an die Essenz der Ganzheitlichkeit und werden uns dementsprechend schwertun, unser Wirken glaubwürdig und nachhaltig in diese Richtung umzusetzen, auch wenn es sich noch so verlockend anhört, dass Heilung einfach passiert.
Lernen ist für den Prozess der Diagnose daher ein entscheidender Faktor und es ist mein Ansatz im Shiatsu – in der Praxis wie in der Lehre –, das Wissen genauso zu kultivieren, zu erweitern und zu pflegen wie die Wahrnehmung und die Intuition. Tägliches Lernen. Tägliches Praktizieren.
Sich Wissen um all die Einflussmöglichkeiten zu erwerben, die der Freisetzung unseres innersten Potenzials dienlich sein können, ist letztendlich ein unmittelbares Studium des Lebens selbst. Alle Phänomene – ob Krankheiten oder Verhaltensmuster – entfalten sich auf Basis zeitloser, universeller Grundprinzipien, die wiederum ins Shiatsu einfließen können oder sollten. Alle Phänomene sind Frequenzen auf Basis der Interaktion von Yin und Yang. Je mehr Wissen um das Spektrum dieser Frequenzen in unser Fleisch und Blut übergegangen ist, je mehr das gelernte Wissen zum organischen Wissen geworden ist, desto mehr Spielraum entsteht im diagnostischen Resonanzraum. Das ist ein kontinuierlicher Prozess, der seine Zeit braucht.
Manchmal ergibt es für die jeweilige Person einfach mehr Sinn, wärmende Nahrung oder Moxa zu empfehlen, um sie aus einem innerlich tiefgefrorenen Zustand herauszubegleiten, anstatt von wahrgenommenen Gefühlen oder Bildern zu sprechen, weil das Eis im Keller dadurch einfach nicht schmelzen wird und es nur eine Frage der Zeit ist, bis man dann doch wieder in alte Verhaltensmuster zurückfällt, egal wie profund eine eventuelle energetische Erfahrung gewesen sein mag. Das hat wenig mit Problemlösungsdenken zu tun, denn es geht um die Intention: Wohin soll die Reise gehen? Diagnose in diesem Sinn bedeutet, sich gezielt den Themen zu widmen, die der Reise im Weg stehen. Nachdem dies sehr viele Einflussfaktoren sein können, zählt es für mich zur Verantwortung einer praktizierenden Person, sich möglichst viel Wissen und Erfahrung um alle möglichen Faktoren anzueignen; erst dann können wir diesen im Resonanzraum genauso begegnen wie zum Beispiel Emotionen. Wenn wir von ganzem Herzen wirklich helfen und dienen wollen, zählt dies dazu.
Womit wir wieder bei den eingangs erwähnten drei medizinischen Ansätzen wären: Die Medizin der Erde beseitigt Krankheiten. Die Medizin des Menschen stärkt die Konstitution. Die Medizin des Himmels führt zur Bestimmung. Auf allen drei Ebenen spielt Diagnose eine entscheidende Rolle, auch wenn sich der Schwerpunkt je nach Ebene verlagert. In unserer Shiatsu-Praxis sollten wir meiner Meinung nach alle drei Ebenen berühren können. Vom profunden Erkennen von Disharmonien bis zum tiefstmöglichen Erkennen der Person an sich. Heilung durch Erkenntnis – dia (durch) gnosis (Erkenntnis). Das macht Shiatsu zu einer umfassenden Heilkunst.
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