Will man die Essenz von Shiatsu erfassen, muss man sich zuerst eine tiefer gehende und umfassendere Frage stellen, nämlich: Was ist die Essenz einer Heilkunst, die den Anspruch auf Ganzheitlichkeit stellt? Denn als eine solche Heilkunst positioniert sich Shiatsu. Es ist wichtig zu verstehen, dass Shiatsu an sich lediglich die Methode ist, mit der wir diese Essenz zum Ausdruck bringen. Andere Methoden tun das auch: Sie beziehen sich auf dieselbe Essenz, verleihen ihr jedoch mit anderen Konzepten und anderen Techniken ein anderes Gesicht.
Was ist nun die Essenz einer ganzheitlichen Heilkunst? Das ist naheliegend: Es ist die Heilung an sich. Was aber ist Heilung? Im heutigen Sinne umfasst die Definition von Heilung physische, psychische, aber auch soziale Aspekte, wobei der Schwerpunkt auf der Wiederherstellung eines bestimmten Zustandes liegt, der gemeinhin als Gesundheit bezeichnet wird. Die moderne Medizin verfolgt hauptsächlich diesen Ansatz. Problemstellungen, die zu einer unerwünschten Abweichung von diesem Zustand der Gesundheit führen, werden mit allen Möglichkeiten und Mitteln behandelt. Das ist Segen und Fluch zugleich. Segen, weil sich durch diesen fokussierten Zugang technische und methodische Fähigkeiten entwickelt haben, die teils an der Schnittstelle zu Wundern agieren . Man denke zum Beispiel an die Transplantation von Herzen. Und warum Fluch? Weil es allem Staunenswertem zum Trotz keine Heilung ist. Es ist das Bekämpfen von Krankheiten. Es ist eine Reparatur, wenn auch in den meisten Fällen hervorragend gemacht.
Diese Reparatur kann die Lebensqualität massiv verbessern. Sie kann unerträgliches Leid lindern. Sie kann in vielen Fällen lebensrettend sein. Wir brauchen sie in unserer Kultur, die sich weit von einem natürlichen Zustand entfernt hat, in der wir den Anschluss an und das Wissen um die Heilkräfte in und außerhalb von uns schon lange verloren haben. Wir sollten daher allen medizinischen Berufen für ihr breitgefächertes Angebot und ihre Kompetenz sehr dankbar sein.
Trotzdem: Es fehlt dieser Herangehensweise etwas, und dieses Etwas muss ja nicht zwingend Bestandteil der klassischen Medizin sein. Von daher dürfen wir dieses Etwas weder von ihr erwarten noch sie wegen dessen Fehlen kritisieren. Wo ist es aber dann zu finden? Vielleicht in der Psychotherapie? Nein. Auch dort nicht wirklich. Denn in dieser wird der Heilungsbegriff ebenso mit einer Wiederherstellung gleichgesetzt: mit der Wiederherstellung der psychischen Gesundheit, wenn diese von bestimmen Normparametern abweicht. Ähnlicher Ansatz, andere Adresse: der Geist. Wir werden dieses Etwas in jeglichem therapeutischen System vermissen, das sich auf Teilbereiche des komplexen Wesen Mensch spezialisiert hat.
In Summe ergibt das unsere Ausgangslage: Auch wenn zeitgemäßere Ansätze Gesundheit wesentlich umfassender definieren, werden Körper und Geist immer noch getrennt betrachtet, getrennt diagnostiziert und getrennt therapiert, wobei es primär um die Behandlung von spezifischen Symptomen geht, die wir als Störungen oder Krankheiten bezeichnen. Ist das Problem beseitigt, ist der Job erledigt. Heilung sollte jedoch weiter reichen. Genauso wie unser Verständnis von Gesundheit.
Etymologisch steckt in dem Wort Heilung das Ganz-Werden, die Ganzheit, aber auch die Heiligkeit. Im übergeordneten Sinn kann Heilung daher als der Versuch gesehen werden, ein ganzer Mensch zu werden, sich einer Form von Ganzheit anzunähern. Und diese Ganzheit kann man auch mit Gesundheit gleichsetzen. Was aber ist unter dieser Ganzheit zu verstehen? Wann ist man ein ganzer, wann ein heil(ig)er Mensch? Wenn wir uns in Übereinstimmung und im Gleichgewicht mit unseren inneren und äußeren Gegebenheiten und Möglichkeiten sowie in einem kontinuierlichen Entfaltungsprozess befinden? Wenn wir als Höhepunkt dieses Prozesses zur vollen Blüte gelangt sind, vor allem geistig und emotional? Wenn wir es geschafft haben, unser gesamtes seelisches Potenzial zu entfalten, inklusive der Transformation des individuellen Seins hin zu einem umfassenden Bewusstsein, das sich mit allen Aspekten der Existenz im Einklang befindet? Wenn wir es geschafft haben, den Kreis zu schließen und zu jener Einheit zurückzufinden, der wir uranfänglich entsprungen sind? Denn vereinfacht ausgedrückt: Einheit ist Ganzheit. Ist Heil-Sein. Trennung ist Krankheit. Und Trennung braucht Heilung.
Trennung kann sich auf vielen Ebenen manifestieren. Trennen wir den Körper vom Geist, ist das keine Ganzheit. Fehlt es uns an tiefen Verbindungen zu unseren Mitmenschen, trennen wir uns mit unserem Lebensstil von der Natur und deren Zyklen, trennen wir die materielle Welt von der spirituellen Welt: Das alles ist keine Ganzheit. Und trennen wir unsere individuelle Existenz von einer übergeordneten Einheit, dann ist das auch keine Ganzheit. Viele Weisheitstraditionen sehen das so, ganz unabhängig davon, mit welchem Namen sie diese übergeordnete Einheit bezeichnen – ob Tao oder Gott, das Ziel ist dasselbe, nur die Wege sind unterschiedlich.
Die Wege zu beschreiten ist wiederum für alle gleich: Wie jede Reise beginnt es mit einem Schritt. Diesen zu setzen und ihm weitere folgen zu lassen, Schritt für Schritt, Tag für Tag, Jahr für Jahr, ist alles, was wir tun können. Denn Gesundheit – oder in diesem Sinne Ganzheit – als etwas Letztgültiges zu definieren, ist schwer zu erreichen, fast schon utopisch. Wichtig ist daher an dieser Stelle festzuhalten, dass es niemals um das zwingende Erreichen eines bestimmten Endzustandes, sondern um die bewusste Ausrichtung des eigenen alltäglichen wie des therapeutischen Handelns geht. Das Ziel ist nicht der Weg. Reflexion hilft zur Orientierung: Welches Motiv liegt meinem Tun zugrunde? Wohin mag ich mich mit den Menschen entwickeln, mit denen ich zusammenarbeite? Die Suche nach der Einheit dient als Kompass.
Eine ganzheitliche Heilkunde sollte daher danach trachten, in der Begleitung von Menschen mit den Möglichkeiten ihrer Methode kontinuierliche Schritte in eine Richtung zu setzen, die zu unterschiedlichen Formen von Ganzheit führen kann. Dazu braucht es keine klaren Symptome, Beschwerden oder Leiden als Ausgangspunkt. Vielmehr gilt es herauszufinden, was zum gegebenen Zeitpunkt zu einer bestimmten Form von Ganzheit – und somit auch zur Heilung – fehlt. Ein Relikt dieser Denkweise findet sich noch in der beliebten medizinischen Frage: „Was fehlt Ihnen denn?“ Im Endeffekt fehlt natürlich gar nichts, nur finden muss man es, dieses bestimmte Etwas, schlummernd im Inneren einer jeden Person, darauf wartend, sich endlich entfalten zu können. Durch unsere Berührung. Durch unsere Aufmerksamkeit. Durch unsere Methode Shiatsu. Das ist ein Prozess und keine Problemlösung. Das geht weit über die Polarität von Krankheit und Gesundheit hinaus. Das ist ein anderer Zugang.
Auf diesem Weg der Ganzwerdung werden wir Hürden überwinden und uns Herausforderungen stellen müssen, ob körperlicher, emotionaler oder geistiger Natur. Wir können erkranken. Chronische Schmerzen oder andere schwerwiegende physische oder organische Probleme schwächen unser gesamtes System, kosten viel Energie, binden teils jegliche Aufmerksamkeit und färben mitunter unsere Perspektive auf das Leben, sodass unsere Fähigkeit, klar zu sehen und tief zu erkennen, beeinträchtigt ist. Das alles macht es wesentlich schwieriger, sein Potenzial zu entfalten und Ganzheit zu erfahren. Zumal etliche Symptome direkter Ausdruck des getrennten Seins sind. Wie viele Zivilisationskrankheiten entstehen allein dadurch, dass wir nicht mehr in Übereinstimmung mit uns, unseren Bedürfnissen, unserem Körper und unserer Umwelt leben? Wir haben uns entkoppelt, abgekoppelt, und zahlen einen hohen Preis dafür.
Es ist somit eine wichtige und den ganzen Weg in Richtung Heilung unterstützende Aufgabe, auch Hürden wie Krankheiten oder Beschwerden gezielt adressieren, begleiten und behandeln zu können. Das hat weniger mit Reparatur zu tun als mit einer übergeordneten Perspektive. Der Unterschied liegt darin, dass die Reparatur auf das Wiedererlangen eines spezifischen Ausgangszustands von Körper und Geist ausgerichtet ist, während es bei Heilung um den Prozess der individuellen Entwicklung geht – auch wenn sie sich im Moment zum Beispiel auf eine schmerzende Schulter fokussiert. Wir sollten das eine nicht mit dem anderen verwechseln.
Genauso wichtig ist die Fähigkeit, die zu Verfügung stehende Energie – das Qi – unserer Klient:innen qualitativ und quantitativ zu stärken, denn eine lange Reise braucht entsprechende Ressourcen – und jene zu unserem wahren Selbst und unserem Platz im großen Ganzen ist die wohl längste und herausforderndste, die wir überhaupt antreten können. Ohne starkes und stabiles Qi fühlen wir uns vom Leben schnell einmal überfordert oder ausgelaugt. Das kann zu Schwierigkeiten mit der Ausrichtung und der Einstellung führen. Das wiederum erschwert es, Kontinuität und Fokus für den eigenen Wachstumsprozess an den Tag zu legen und kann zu noch mehr Trennung führen. Und auch zu Krankheiten, denn Qi ist nicht nur unser Schutzschild, es ist die primäre Lebenskraft, die unser System durchdringt. Disharmonien in dieser Lebenskraft führen früher oder später zu Disharmonien in unserem Leben, ob im Körper oder im Geist. Und natürlich braucht ein ganzheitliches System ebenso Kompetenz im Bereich der Spiritualität, wenn es um die Suche nach einer Verbindung zu etwas Größerem im Leben geht als dem eigenen Selbst.
Ein wunderbarer Ansatz für all diese Aufgaben, die Shiatsu erfüllen kann und soll, ist in dem fernöstlichen Konzept der Dreiheit von Himmel, Erde und Mensch zu finden. Der Himmel repräsentiert das große Yang. Die Erde das große Yin. Und der Mensch ist die Schnittstelle, der Vermittler, der beide Aspekte in sich balanciert, vereint und auf natürliche Art und Weise zum Ausdruck bringt. Die himmlischen Kräfte stehen für Inspiration, Bewusstsein und Bestimmung. Die irdischen Kräfte für das materielle Leben, den Körper und die Gesundheit. Beides, in Verbindung stehend und sich gegenseitig befruchtend, ergibt Harmonie und in weiterer Folge Ganzheit. Sowohl im Japanischen als auch im Chinesischen weist das Schriftzeichen für „Mensch“ genau auf diese Idee hin: ein Strich in Richtung Himmel, zwei Striche in Richtung Erde zeigen (人) Himmel und Erde in tiefer Verbindung .
Auf Basis dieses Konzepts der Einheit von Himmel, Erde und Mensch haben sich drei verschiedene therapeutische Ansätze entwickelt. Die Medizin der Erde widmet sich dem Behandeln von Krankheiten. Die Medizin des Menschen stärkt die physische und psychische Konstitution. Und die Medizin des Himmels öffnet das Tor zu Spiritualität. Keine Ebene ist relevanter als die andere. Keine Ebene ist wichtiger als die andere. Alle Ebenen sind Aspekte der Einheit. Sie basieren nur auf verschiedenen Frequenzen der Existenz und ergeben zusammen einen umfassenden Ansatz, der sich in Richtung Heilung und Ganzheit bewegt, ganz einfach, weil dieser Ansatz selbst eine ausgewogene Einheit repräsentiert. Wer einer einzigen dieser drei Ebenen mehr Bedeutung zukommen lässt als den anderen, agiert im Geist der Trennung, der die moderne Medizin und die moderne Psychotherapie hervorgebracht hat, was diesen Ansätzen viel Kritik eingebracht hat. In manchen Interpretationen von Shiatsu passiert aber umgekehrt genau dasselbe: Die Ebene des Himmels wird überbetont und die Ebene der Erde abwertend als symptomatisches, als eindimensionales Shiatsu betrachtet. Teils höre ich dann sogar: „Das ist nicht mehr Shiatsu!“ Warum eigentlich? Wenn schon in der Geisteshaltung der Aspekt der Fragmentierung vorliegt, wie soll die Methode dann wirkliche Heilung – auch im spirituellen Sinn – anbieten können?
Es obliegt dem Erfahrungsschatz der Praktizierenden zu erkennen, von welcher Ebene der Berührung eine Person zum jeweiligen Zeitpunkt am meisten profitiert. Manchmal geht es um Symptome. Manchmal geht es um harmonischere Energie. Manchmal geht es um Fragen des Bewusstseins. Eine heilkundige Person sollte fähig sein, alle drei Ebenen zu berücksichtigen und sich ihrer gleichermaßen annehmen zu können – und dabei stets im Hinterkopf zu behalten, dass jeder Schritt in der Behandlung ein Schritt in Richtung ganzer Mensch sein sollte. Das ist mehr als Begegnung. Das ist mehr als Kommunikation. Das ist eine große Aufgabe und das Streben nach Heilung im umfassenden Sinn. Das ist für mich die Essenz einer im Wortsinn ganzheitlichen Heilkunst und somit auch die Essenz von Shiatsu, die wir mit der Methode Shiatsu zum Ausdruck bringen.
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