Für mich ist eine der wichtigsten Eigenschaften guter Praktizierender: Humor. In dem Wort Humor finden wir die sprachlichen Wurzeln von Demut (humilitas), Menschlichkeit (homo), Erde (humus) und Feuchtigkeit (humor). Demut und Menschlichkeit sind unabdingbar in einem therapeutischen Beruf. Die Demut hilft mir, auch über mich selbst lachen zu können, weil ich mich nicht so wichtig nehme. Demut hebelt das Ego aus.
Die Relativierung des Selbst und die damit einhergehende heitere Gelassenheit können wiederum zu einer offenen und liebevollen Bodenständigkeit führen, die es uns ermöglicht, aus den vielen Herausforderungen, die zum Leben nun einmal dazugehören – ob alltägliche Schwierigkeiten, gesundheitliche Probleme oder die große Krisen dieser Welt –, etwas sehr Fruchtbares zu machen: Humus. Dieser ist wiederum Treibstoff für Wachstum und Entfaltung: ein Kernaspekt des Heilungsprozesses.
Und der Humor im Sinne von Feuchtigkeit sorgt dafür, dass wir geschmeidig bleiben, im Fluss bleiben und die ganze Sache Shiatsu nicht über die Maßen ernst nehmen. Im Endeffekt ist es „nur“ Shiatsu. Die Methode Shiatsu soll uns dienen. Sie soll uns etwas Gutes tun. Sie soll uns weder einengen noch zu einer allzu rigorosen Identifikationsplattform verkommen. Jede Interpretation von Shiatsu, jeder Zugang, jede Sitzung beinhaltet ein Geschenk und einen Wert in sich. Ist das nicht wunderbar? Braucht es wirklich mehr? Praktizierende mit Humor haben meiner Meinung nach das Wesen von Shiatsu erfasst. Können sie diesen Humor auf andere Menschen übertragen, passiert mehr, als wir vermeinen. Lachen hat etwas Erlösendes. Und diese Erlösung ist eine Heilung in sich.
Wer jedoch Shiatsu unterrichtet, sollte meiner Meinung nach einen anderen Anspruch verfolgen. Lehrende Personen dienen der Methode. Es ist ihre Aufgabe, von der Methode über die Grundprinzipien hin zur Essenz zu gelangen und ihr Leben dementsprechend auszurichten. Sie sollten die Medizin der Erde in sich verkörpern und ihre Gesundheit auch auf physischer Ebene pflegen und kultivieren. Sie sollten die Medizin des Menschen verkörpern und ihre Konstitution kontinuierlich verbessern, vor allem auch in energetischer Hinsicht. Und sie sollten sich auch intensiv mit der Medizin des Himmels beschäftigen, mit Spiritualität und der Entfaltung des vollen menschlichen Potenzials. Das ist in Summe ein Weg, und bei diesem Weg geht es weniger um das Erreichen von Zielen, sondern um die Hingabe, mit der er beschritten wird. Lehrende Personen bewahren die Integrität ganzheitlicher Heilkünste, und das ist etwas, das man weder in Büchern vermitteln noch konservieren kann. Gelingt es einem dann, diese ernstgemeinte Hingabe mit einer großen Prise Humor zu versehen, dann Vermählen sich Yin und Yang zu einer Einheit. Und wenn es für mich eine Essenz von Shiatsu gibt, dann ist sie das.
TEXTAUSZUG AUS DEM BUCH:

