Das Bild eines Baumes kann uns dabei helfen, die den meisten ganzheitlichen Gesundheitslehren zugrunde liegende Struktur besser zu verstehen. Das Streben nach Heilung kann als die gemeinsame Wurzel – als die Essenz – all dieser vielfältigen und teils sehr diversen Systeme gesehen werden. Der Stamm dieses Baumes wird von den sich auf Basis der Essenz entfaltenden Grundprinzipien repräsentiert. Und Methoden wie Shiatsu sind die Zweige, die daraus entspringen und mit ihren Blättern und Blüten den Inhalt von Wurzeln und Stamm sichtbar machen und ihn in eine Form der Anwendbarkeit transferieren.
Erst in der Verzweigung des Baumes wird Shiatsu also zu dem, was es ist. Aber: Was Shiatsu ist und was es ausmacht, diesbezüglich gibt es unterschiedliche Ansichten und Interpretationen. Warum? Shiatsu ist an sich eine relative junge Methode. Je nachdem, wann man ihren Ursprung datiert, werden es im Höchstfall unwesentlich mehr als einhundert Jahre. Dann erfolgte eine rasche Verbreitung, vor allem auch im Westen, der sich nach asiatischer Weisheit sehnte, um dem vorherrschenden, einseitig materialistisch geprägten Weltbild etwas gegenüberzustellen, das mehr Tiefe und Weite und somit auch mehr Erfüllung und Sinn versprach. Der Baum Shiatsu ist auf Basis dieser Sehnsucht sehr, sehr schnell gewachsen. Was die grundlegenden Prinzipien von Shiatsu betrifft, gab es jedoch nie einen wirklich einheitlichen Stamm. Dafür gab es plötzlich umso mehr Blätter und Blüten.
Jedes System braucht aber eine Basis, auf der es beruht. Es braucht Prinzipien, auf die es sich bezieht. In Shiatsu hat das Fehlen dieser verbindenden Wurzeln und des einheitlichen Stammes dazu geführt, dass mit der rasanten Entwicklung unserer Berührungskunst eine große Zahl unterschiedlicher Richtlinien in die Methode Shiatsu integriert wurden. Einerseits, um entsprechende Lücken im Verständnis zu füllen. Anderseits, um das Fehlen einer entsprechenden Basis zu kompensieren. Und natürlich auch, weil Shiatsu primär ein unvollständiges System war, das sich erst einmal erfinden und im Weiteren selbst finden musste. Diese in Shiatsu einfließenden Prinzipien gestalteten sich je nach Epoche, persönlichen Vorlieben oder nahestehenden Einflüssen unterschiedlich. Manche Stile suchten Anleihen im Kampfsport. Manche in der westlichen Medizin. Manche in der chinesischen Medizin. Die Pionierwelle, die Europa erfasste, brachte Osteopathie, Psychologie, Faszientechniken, das Konzept der Salutogenese, Schamanismus oder Energiearbeit mit ins Spiel. Das Resultat ist eine äußerst bunte Shiatsu-Welt, in der viele Interpretationen für sich den Anspruch erheben, das „wahre Shiatsu“ zu vertreten.
Es gibt also unterschiedlichstes Shiatsu mit unterschiedlichsten Schwerpunkten – und jede dieser Methoden ist für sich richtig und gut. Aber wie geht die Entwicklung von Shiatsu weiter? Blätter und Blüten welken nun einmal schnell, wenn sie keine Äste, keinen Stamm und keine Wurzeln haben, die sie versorgen und verankern. Ein bisschen passiert das gerade mit Shiatsu. Wir sind vielleicht etwas zu divers geworden, und taucht erst einmal dieses „Zu“ irgendwo auf, ist das selten ein gutes Zeichen. Manche Stile haben sich so unterschiedlich entwickelt, dass sich kaum noch Ähnlichkeiten oder eine verbindende Essenz zwischen ihnen erkennen lassen. Teils sind Interpretationen von Shiatsu stark an eine prägende Person und deren individuelle Sichtweise gebunden – auf der einen Seite fast schon akademische Lehrpläne; auf der anderen reines Spüren und sonst nichts. Auch das alles ist Shiatsu und diese große Vielfalt an Zugängen ist sogar ein Charakteristikum unseres wundervollen Handwerks. Aber ohne einen verbindenden Kern, der gemeinsam genährt, kultiviert und dadurch verdichtet wird, kann für die gesamte Methode Shiatsu kein wirklicher Magnetismus entstehen – und ohne Magnetismus gibt es keine Anziehungskraft. Shiatsu verliert an Popularität, obwohl wir gerade in einer zunehmend digitalisierten Welt die Kraft der einfachen Berührung dringender brauchen denn je.
Mein Zugang diesbezüglich: Warum von den Früchten anderer Bäume naschen? Warum immer der Drang, den Dingen einen individuellen Stempel aufdrücken zu müssen? Warum nicht einfach zurück zu den Wurzeln und dem Stamm fernöstlicher Heilkünste gehen? Vor allem, weil sich diese bereits bewährt, bewiesen und den Test der Zeit überstanden haben, über Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Jahren. Nicht immer braucht es Innovation. Manchmal verbergen sich die gehaltvollsten Geheimnisse im bereits Bestehenden, im Einfachen …
Einer der schönsten und faszinierendsten Aspekte in der Denkweise asiatischer Medizin besteht darin, nichts isoliert zu betrachten. Banales Kopfweh und die Entstehungsgeschichte des Universums haben eine Verbindung. Wie ist das zu verstehen? Beginnen wir ganz von vorne: Am Anfang allen Seins war die Einheit, das Tao. Aus dieser Einheit heraus entstand die Zweiheit, Yin und Yang. Diese beiden Urpolaritäten standen in einem sich ergänzenden und sich gegenseitig befruchtenden Verhältnis zueinander – ein konstruktiver Spannungszustand. Dadurch kam eine spezifische Form von Energie mit ins Spiel: Qi. Qi sorgte für Bewegung, für Transformation, für Interaktion, und aus diesem kontinuierlichen Zusammenspiel von Yin und Yang entstanden die „10.000 Dinge“, alle äußeren Erscheinungsformen, ob das uns bekannte Universum oder eben Kopfweh …
Die „10.000 Dinge“ sind nichts anderes als unterschiedliche Variationen und Wandlungen von Yin und Yang. Wollen wir zurück in die Einheit, dann müssen wir die beiden Urpolaritäten derart harmonisieren, dass sie miteinander verschmelzen und einander aufheben. Wir müssen die Trennung zuerst in der Vielheit und dann in der Zweiheit überwinden, um Ganzheit und Gesundheit zu erlangen. Dazu ist es notwendig, die jeweilige Konstellation von Yin und Yang in einer Erscheinung zu erfassen und auszubalancieren. Dieser Ansatz der Harmonisierung gilt für die Behandlungen von Krankheiten gleichermaßen wie für spirituelles Erwachen oder ein konstruktiveres Management der eigenen Emotionen. Heilung eben, auf allen Ebenen. Daher gibt es für mich nur ein wirklich wichtiges Grundprinzip für Shiatsu: das Verständnis von Yin und Yang. Yin und Yang ergeben den Stamm, der direkt in der Einheit wurzelt: Die Essenz manifestiert sich und definiert somit ein Grundprinzip.
Das Grundprinzip der Polarität kommt aber nicht nur im fernöstlichen Denken vor. Man findet es mehr oder weniger in allen mystischen, spirituellen oder religiösen Strömungen, von Ost bis West, von der Antike bis zum New Age. Man findet es in der Struktur einer jeden Zelle, im Werden und Vergehen des Lebens wie auch in der Ausdehnung und der Kontraktion des Universums. Man findet es im Wechsel der Jahreszeiten, im Rhythmus des Herzschlags und in der Sexualität. Man findet es in den Meridianen, in den Akupunkturpunkten und in Kyo und Jitsu.
Man kann also durchaus sagen, dass es sich bei Yin und Yang um ein universelles, zeitloses Prinzip handelt, das weit mehr als bloß ein Konzept ist. Beim Tanz der Polaritäten handelt es sich um eine erfahrbare Wahrheit von energetischen Frequenzen, die das Leben in allen Erscheinungsformen durchdringen. Hat man diese Form der Wahrheit erfahren, ist sie real. Hat man sie nicht erfahren, bleiben sie ein Konzept. Erfährt jede Person diese Wahrheit anders? Ja und nein. Es ist eine Frage des Bewusstseinszustandes, was wir als Wahrheit erfassen. Das individuelle Bewusstsein spricht von individuellen Wahrheiten. Das universelle Bewusstsein von universellen Wahrheiten. Je nachdem, mit welcher Form des Bewusstseins wir Dinge betrachten, filtern, färben und prägen wir unsere Wahrnehmung von ihnen. Je getrennter das Bewusstsein vom Sein ist, desto subjektiver die Erfahrungen, die gemacht und entsprechend benannt werden.
Eine Heilkunst, die zurück zur Ganzheit führen will, sollte jedoch auf zeitlosen, universellen Prinzipien aufbauen und weniger auf persönlichen Meinungen, Interpretationen oder Trends. Diese Prinzipien brauchen weder eine Evolution noch eine Form von Weiterentwicklung. Sicher, wir können deren Anwendung und Umsetzung zeitgemäß adaptieren und abwandeln, aber im Kern bleiben sie dennoch gleich. Die Traditionelle Chinesische Medizin hat zum Beispiel viele Gesichter, aber ob in der Kräuterkunde oder der Akupunktur: Das Ziel ist immer eine Harmonisierung von Yin und Yang, unabhängig davon, ob mit Laser oder Nadeln, mit verbranntem Moxakraut oder hochtechnischer Moxalampe gearbeitet wird. Ob es sich dabei um moderne Krankheitsbilder wie das Chronische Fatigue-Syndrom oder Klassiker wie Rückschmerzen handelt.
Im Qigong und Tai-Chi gibt es unendlich viele Stile, aber in deren Essenz geht es ebenso stets um die Harmonisierung von Yin und Yang. Fehlt diesen Bewegungskünsten dieser Aspekt, dann handelt es sich bloß um eine exotische Form von Körperübungen, die vielleicht das Nervensystem beruhigen oder die Atmung vertiefen, aber sicher nicht in Richtung Ganzheit führen. Und Shiatsu? Shiatsu sollte für mich ebenfalls diese Idee verfolgen: die Harmonisierung von Yin und Yang. Das wäre dann das tragende Grundprinzip von Shiatsu.
Auf Basis dieses Grundprinzips können wir mit Symptomen arbeiten, wenn zum Beispiel dem Yang das Yin fehlt und sich dieser Mangel in aufsteigenden Pathologien wie Kopfweh oder Schwindel äußert. Wir können auf dieser Basis den Geist (Yang) mit dem Körper (Yin) verbinden, wenn hier eine Trennung besteht, die sich in vielen reibungsintensiven Verhaltensweisen äußern kann. Wir können den Menschen mit dem Himmel (Yang) und der Erde (Yin) verbinden, wenn es um die Synchronisierung mit einer höheren Ordnung geht. Unsere praktische Vorgehensweise diesbezüglich basiert ebenfalls auf dem Grundprinzip der Polarität. Wir arbeiten mit einer Yin- und einer Yang-Hand. Wir verbinden in unserem Tun Qi (Yang) mit Körpermechanik (Yin). Wir sorgen für eine Einheit zwischen gebender (Yang) und empfangender Person (Yin). Wir nutzen Wissen (Yang) und Intuition (Yin) in gleichem Maße. Wir geben Spontaneität (Yang) und Kontinuität (Yin) den entsprechenden Raum (Yin) und die entsprechende Zeit (Yang). Wir hören zu (Yin) und (be)handeln (Yang).
Wann immer wir einem Pol mehr Gewicht verleihen, verlieren wir den Aspekt der Ganzheitlichkeit. Ob wir uns nur auf das Fühlen verlassen oder allein aufs Denken setzen – in beiden Fällen würden wir nur eine Seite der Medaille sehen. Ganzheitlichkeit braucht jedoch beide Seiten, es heißt Yin und Yang und nicht Yin oder Yang. Erst dadurch ergibt sich ein rundes Bild. Und welche Techniken oder Methoden wir dann auch immer im Shiatsu integrieren: Wenn sie die Harmonisierung der Polaritäten verfolgen und in sich selbst ausgewogen sind, dann kann dies in Richtung Ganzheit führen. Das Wie ist genauso entscheidend wie das Was, ob es sich dabei um den Aufbau des Druckes, die Art der Gesprächsführung oder die Arbeit mit Strukturen, Organen oder Meridianen handelt. Das alles sind bloß Techniken, die wir erst durch den entsprechenden Inhalt wirklich lebendig machen.
Zusammengefasst würde ich daher sagen: Als Methode strebt Shiatsu das Ziel an, Heilung und Ganzheit im ursprünglichen Sinne zu erlangen. Dabei bezieht sich Shiatsu auf zeitlose und universelle Prinzipien, die über den Ausgleich der Polaritäten die Basis für Einheit und Harmonie schaffen. Die Umsetzung dieser Prinzipien erfolgt durch spezifische Techniken. Im Shiatsu verwenden wir unsere Hände dafür. Solange Wurzeln und Stamm als nährende Basis dienen, kann Shiatsu viele verschiedene Erscheinungsformen annehmen.
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